Kompetenzzentrum Geriatrie

Die Auseinandersetzungen um ein gemeinsames Spitalwesen der beiden Basler Halbkantone dauern schon manches Jahr. Nachdem beim Kinderspital Lösungen gefunden wurden, steht nun die Akut-Geriatrie zur Diskussion: Basel-Stadt muss sein geriatrisches Kompetenzzentrum im Felix Platter-Spital wegen gravierender baulicher Mängel ersetzen. Nicht besser ergeht es dem Kanton Baselland, der sich entschliessen musste, das Bruderholzspital nicht zu erneuern, sondern an gleicher Stelle vollständig zu ersetzen.

Wie die unten folgende Auflistung zeigt, ist der Weg zur gemeinsamen Lösung schwierig. Wir präsentieren jedoch zuerst zwei Stellungnahmen aus den Reihen der SP Basel-Stadt und der SP Baselland:

 

 

Philippe Macherel, Grossrat , Präsident der Sachgruppe Gesundheit und Soziales der SP Basel-Stadt

Die SP Basel-Stadt begrüsst jede Anstrengung, Leistungen im Gesundheitswesen in Kooperation mit Nachbarkantonen zu erbringen. Sie steht weiterhin dafür ein, zusammen mit dem Kanton Baselland ein geriatrisches Kompetenzzentrum zu planen, zu bauen und zu betreiben.

Oberste Priorität hat die Qualität der Betreuung betagter und hochbetagter Menschen mit dem bewährten geriatrischen Behandlungskonzept. Die Qualität, wie sie im bisherigen Kompetenzzentrum Geriatrie am Felix Platter-Spital erreicht worden ist, kann nur unter bestimmten Bedingungen erhalten werden:

Das Kompetenzzentrum muss eine eigenständige Institution sein. Nur so kann die Qualität von Pflege, Therapien und ärztlicher Betreuung gesichert werden. Das blosse Anhängen von Geriatrischen Abteilungen an andere Spitäler ist fatal, weil nicht auf die spezifischen Bedürfnisse und Probleme betagter PatientInnen eingegangen wird, und akutmedizinische Interessen im Vordergrund stehen.

Das Personal muss Arbeitsbedingungen vorfinden, die eine qualitativ hochstehende Betreuung der PatientInnen ermöglicht. Weiter zunehmender Leistungsdruck, Unsicherheiten in Anstellungs- und Lohnbedingungen können nicht akzeptiert werden. Gute Arbeitsbedingungen sind am ehesten garantiert, wenn das Zentrum Teil einer kantonalen Verwaltung bleibt. Ist dies wegen der gemeinsamen Trägerschaft durch zwei Kantone nicht möglich, kann einer Auslagerung zugestimmt werden. In diesem Falle ist der Betrieb des Zentrums öffentlich-rechtlich zu organisieren.

Der Standort eines gemeinsamen Kompetenzzentrums ist sekundär. Wegen der verminderten Mobilität der PatientInnen und ihrer Angehörigen ist die optimale Erschliessung durch öffentliche Verkehrsmittel unabdingbar, insbesondere vom Bahnhof SBB aus.

 

 

Daniel Münger, Landrat, SP Baselland

Bruderholz: Der erste Schritt in eine gemeinsame Zukunft

Die Volkswirtschafts- und Gesundheitskommission (VGK) hat ihren Entscheid umgekehrt: Neu soll der Regierungsrat des Kanton Baselland prüfen, ob die Variante gemeinsame Geriatrie beider Basel auf dem Bruderholz - gegenüber der Variante gemeinsame Akutgeriatrie im neu zu errichtenden Bedestha-Spital - nicht doch die bessere Option ist. Positive Signale kommen aus Basel, auch wenn daran einige Auflagen geknüpft werden. Diese neue Ausrichtung der Spitalplanung wird an einer der nächsten Landratssitzungen zu angeregten Diskussionen führen.

Für viel Aufsehen hat der Entscheid der VGK gesorgt, neu die Variante Akutgeriatrie ins Bruderholz zu prüfen. Anders als noch im Frühling haben die bürgerlichen Vertreter/innen der VGK nun endlich gemerkt, dass ein Spital mit erweiterter Grundversorgung ohne Geriatrie kaum betriebswirtschaftlich günstig und ohne Verschlechterung der Patientensituation im Akutgeriatriebereich betrieben werden kann.

Gerade Patienten der Geriatrie sorgen für eine konstante Auslastung in der erweiterten Grundversorgung. Ebenso kann das geplante Bruderholzspital so seine Aufgaben im Bereich der Lehre und Forschung vollumfänglich wahrnehmen. Für die Patienten würde ein Kompetenzzentrum entstehen, das modernen Anforderungen bestens genügt und die unterschiedlichen Versorgungsketten der beiden Kantone optimal anbieten kann. Die Zusammenarbeit mit der akutgeriatrischen Abteilung des Universitätsspitals Basel wäre einfach und mit kurzen Wegen versehen.

Mit dem vorgesehenen Modell kann der unterschiedlichen demographischen Entwicklung der beiden Kantone vollumfänglich Rechnung getragen werden und so ein Bettenüberhang vermieden werden. Die Bedingungen seitens Basel-Stadt (Versorgungskette, Trägerschaft, etc.) sind keine Hürden, die als unüberwindbar angesehen werden müssten. Einzig der Zeitplan ist im Auge zu behalten. Mit einer gemeinsamen Akutgeriatrie auf dem Bruderholz wird der Druck auf eine verbesserte ÖV-Erschliessung ebenfalls aufrecht erhalten und rundet somit den Standortentscheid ab.

Der Antrag der VGK zeigt auf, dass ein gemeinsamer Weg in der Spitalplanung sehr wohl möglich ist und nicht vor der Kantonsgrenze halt macht. Bleibt zu hoffen dass der Landrat diesem Antrag folgt und den beiden Regierungen den Auftrag erteilt, ein Projekt auf den Tisch zu legen, das sowohl aus betriebswirtschaftlicher wie auch aus spitalplanerischer Optik überzeugt und aus Sicht der Patienten optimale Lösungen beinhaltet. Der erste Schritt ist erfolgt.

 

Facts

August 2004  An einer hochkarätig besetzten Tagung in Bad Bubendorf arbeiteten die rund 80 TelnehmerInnen aus den beiden Halbkantonen daran, die gemeinsame Spitalpolitik weiter zu entwickeln. Resultate waren das klare Bekenntnis zur Medizinischen Fakultät der Universität Basel, der Ruf nach einer integrierten regionalen Spitalplanung unter Einbezug der Privatspitäler, sowie der Ruf nach Freizügigkeit.

Zum Bereich Geriatrie hielt Martin Matter in der baz vom 23.8.2004 fest: „Wegen unterschiedlicher Zuständigkeiten (im Baselbiet ist die Langzeit-Betagtenpflege Sache der Gemeinden) und bautechnischen Zwängen beim Felix-Platter-Spital ist beim Ersatz des Basler Geriatrie-Spitals derzeit offenbar keine partnerschaftliche Lösung zu haben. Die Alterspflege sollte aber in die langfristige medizinische Gesamtbedarfsplanung einfliessen, eine kantonsübergreifende Betrachtungsweise soll die Entstehung von Doppelspurigkeiten vermeiden. Als Idee wurde die Möglichkeit ins Spiel gebracht, dass die Basler Privatspitäler Betagte auch aus Baselbieter Gemeinden aufnehmen könnten. Diese Möglichkeit wird im Baselbiet beim neuen Alters- und Pflegegesetz zu diskutieren sein."

 

2004 - 2006  Es wird klar, dass weder das Felix Platter-Spital noch das Bruderholz-Spital im laufenden Betrieb und der bestehenden Bausubstanz erneuert werden können. In beiden Kantonen löst ein allfälliger Neubau grossern Investitionsbedarf aus. Beide Kantone stellen darum zuerst die Standordfrage - ob Ersatz am gleichen Ort geleistet werden soll.

Basel-Landschaft entscheidet sich für den Erhalt des Standorts Bruderholz und damit gegen eine Verlagerung des Spitals z.B. nach Aesch. Ein Neubau wird gegenüber einer Sanierung klar bevorzugt. Basel-Stadt steht unter grossem Zeitdruck, da das Felix Platter-Spital sicherheits- und brandschutztechnische Auflagen nicht mehr erfüllt. Eine gemeinsame Lösung mit Baselland wird angestrebt, scheint aber für die Akut-Geriatrie zuerst noch nicht möglich.

Die Position des Kantons Basel-Land ändert sich anfangs 2006: Die Sanitätsdirektoren  Erich Straumann (BL) und Carlo Conti (BS) halten fest, dass der Zeitpunkt für ein gemeinsames Akut-Geriatriespital optimal sei. Die Standortfrage ist zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht geklärt: In Frage kommen ein Neubau auf dem Bruderholz oder eine Lösung in der Stadt als Ersatz für das Felix Platter-Spital.

 

Februar 2006  Es zeichnet sich eine Lösung ab, in der das Diakonat Bethesda im Auftrag von Basel-Stadt und Baselland als Investor und Betreiber eines neuen Akut-Geriatriespitals auftreten könnte. Die beiden Sanitätsdirektoren Erich Straumann und Carlo Conti gehen davon aus, dass sich so ein neues Geriatriezentrum in höchstens zehn Jahren verwirklichen liesse.

Mit dieser Lösung müsste Basel-Stadt selbst keinen Neubau als Ersatz für das sanierungsbedürftige Felix Platter-Spital errichten, und der Kanton Baselland könnte beim Neubau des Bruderholz-Spitals auf einen Bereich Akut-Geriatrie verzichten und damit deutlich kleiner und günstiger bauen. Das Diakonat Bethesda würde für die Investitionen aufkommen. Die Beiträge an den Betrieb würden in beiden Kantonen durch Leistungsaufträge geregelt.

Da diese Lösung eine Ausgliederung aus den kantonalen Verwaltungen bedingt, lehnt die Gewerkschaft vpod das Projekt ab, wegen der «Privatisierung des Service public».

Protest kommt auch aus den Reihen der Belegärzte im Bethesda-Spital (insbesondere in den Bereichen Gynäkologie und Geburtshilfe), worauf das Diakonat bekanntgibt, dass es das bestehende Belegarztspital neben dem geplanten Akut-Geriatriezentrum weiterführen werde. Allerdings ist das Zusammenspiel der beiden Abteilungen erst sehr vage beschrieben.

 

 

November 2006  Eine Motion der SP Baselland fordert vom Landrat einen Bericht zu einem Geriatriekompetenzzentrum beider Basel auf dem Bruderholz. Die SP-Fraktion lehnt die Auslagerung der Geriatrie ins Bethesda-Spital klar ab. Mit dem «Hüst und Hott» in der Spitaldiskussion müsse endlich Schluss sein, der Regierungsrat soll abklären, «ob ein akutgeriatrisches Kompetenzzentrum auf dem Bruderholz gemeinsam mit Basel-Stadt möglich ist».

 

Januar 2007  Die Baselbieter Regierung beantragt dem Landrat den Standortentscheid für ein gemeinsames Geriatriespital mit Basel-Stadt. Es soll auf den Landreserven des Bethesda-Spitals entstehen, das in seiner heutigen Form weiter betrieben würde. Das Bruderholz-Spital könnte darum mit einer geringeren Bettenzahl (380) realisiert werden.

SP Baselland und vpod opponieren sofort, mit der Argumentation, dass die Geriatrie weiterhin in einem öffentlichen Spital angeboten werden muss und nicht privatisiert werden darf.

Der Landrat spricht sich mit 73 gegen 9 Stimmen für den bisherigen Standort des Spitals auf dem Bruderholz aus -  aber auch für das von der Regierung vorgeschlagene gemeinsame Geriatrie-Kompetenzzentrum beim Bethesda-Spital.

 

September 2007  Wieder eine Wende: Nach den ehemaligen Chefs des Bruderholzspitals lehnt auch die bürgerlich dominierte Gesundheitskommission des Landrats die Auslagerung der Geriatrie ins Bethesda-Spital ab. Ex-Gesundheitsdirektor Erich Straumann, zu dieser Zeit Ständeratskandidat, kommt in Bedrängnis.

Ebenso in Bedrängnis kommt der Kanton Basel-Stadt, der Millionen in den Erhalt des baufälligen Felix Platter-Spitals wird stecken müssen, um die Zeit bis zu seinem Ersatz überbrücken zu können. Regierungsrat Carlo Conti fordert darum einen raschen Entscheid vor Ende 2007 und befürwortet zur Not auch einen Alleingang von Basel-Stadt.

Mitte  Oktober 2007 einigen sich die Gesundheitsdirektoren - im Kanton Baselland neu Peter Zwick - auf ein zweigleisiges Vorgehen: Die Lösung mit dem Diakonat Bethesda wird zwar wie geplant weiter entwickelt. Parallel dazu wird eine Machbarkeitsstudie jedoch ein eigenständiges, gemeinsames Geriatriezentrum auf dem Bruderholz prüfen. Die beiden Studien sollen anschliessend den Parlamenten zum definitiven Entscheid vorgelegt werden.

 

November 2007  Obwohl viele Fragen zur regionalen Spitalplanung offen bleiben, beschliesst der Landrat mit 67 zu 9 Stimmen den Planungskredit für den Neubau des Bruderholzspitals.

Die Frage des Geriatriezentrums wurde dabei noch ausgeklammert. SP und SVP möchten das Zentrum auf dem Bruderholz ansiedeln, die FDP beim Bethestaspital und die CVP hat sich noch nicht festgelegt. Bis Mitte 2008 soll in dieser Frage entschieden werden.

 

Juli 2008  Die nicht ganz überraschende Wende: Ein Geriatriespital Bethesda ist definitiv aus den Rängen. Die Gesundheitsdirektoren Peter Zwick (BL) und Carlo Conti (BS) präsentieren einen Kompromissvorschlag für ein gemeinsames Geriatriespital auf dem Bruderholz.. Das Geriatriespital soll als unabhängige Einheit auf dem Areal des neuen Bruderholzspitals geführt werden. Die Baukosten wollen Basel-Stadt und Baselland je zur Hälfte übernehmen. Das Spital soll nach dem gleichen Modell wie das Universitätskinderspital gemeinsam betrieben werden.

Das Bethesdaspital soll als Ausgleich zu einem regionalen Rheumatologiezentrum ausgebaut werden und die Rheumatologie mitsamt der angegliederten Rehabilitation vom Felix-Platter-Spital übernehmen.

 

September 2008  Die Regierungen der beiden Halbkantone haben sich grundsätzlich für das Projekt eines gemeinsamen Geriatriespitals auf dem Bruderholz entschieden. Angegliedert daran, soll ein regionales Rehabilitationszentrum aufgebaut werden. Die Regierungen lassen verlauten, dass mit diesem «gemeinsamen Kompetenzzentrum für Geriatrie und Rehabilitation» Synergien genutzt und Doppelspurigkeiten vermieden werden könnten. Übernommen wird damit auch das Leistungsangebot des Felix-Platter-Spitals im Bereich Rehabilitation, was zu einer generellen Vergrösserung des Projektes auf nun über 400 Betten führt. Das Felix-Platter-Spital wird nach dem Bezug des neuen Geriatriespitals geschlossen.

 

Januar 2009. Die Regierungen von Basel-Stadt und Basel-Landschaft planen ein gemeinsames «Kompetenzzentrum für Geriatrie und Rehabilitation» mit 436 Betten und wollen es bis 2017 in Betrieb stellen. Den beiden Parlamenten werden Projektierungskredite von je 8,9 Millionen Franken beantragt. Der Kanton Baselland wird zuvor ein neues Bruderholzspital errichten. Das aktuelle, rund 40-jährige Bruderholzspital soll abgebrochen werden. Für die Neubauten ist ein Wettbewerbsverfahren im Gang. Im Mai 2009 wird aus den noch verbliebenen vier Projekten ein Siegerprojekt erkoren, das dann zur Baureife weiter zu entwickeln ist.

Das «Kompetenzzentrum für Geriatrie und Rehabilitation» soll als selbständige öffentlich-rechtliche Anstalt geführt werden, analog zum Universitätskinderspital beider Basel UKBB. Das Personal soll dem Standort gemäss nach Baselbieter Recht angestellt werden.